Neues, Satz & Vers

Das Recht zu schweigen – Zum 20. Todestag der Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel

Über die Erzählung Kavalier von Adelheid Duvanel

Kavalier ist die Geschichte eines junges Mannes, der seine Freundin verlassen will, sie aber nicht verlassen wird. Sein Vorhaben verkündet er erst gegen Ende der Geschichte, so dass den Hauptteil der Erzählung die Beschreibung der desolaten Lebensumstände des Paares bildet. Indem Adelheid Duvanel dabei das Präsens verwendet, macht sie die immer wiederkehrende Alltagstristesse spürbar. Diese Berichterstattung wird umrahmt vom Wunsch des Protagonisten nach Veränderung bis hin zum Fassen seines Entschlusses; die dritte Ebene des Handelns fehlt, als reichte es, sich die Trennung auszumalen als deren Vollzug. Die Erzählung handelt, ganz ohne äußere Handlung, von der Handlungsunfähigkeit eines Mannes (bis auf eine Ausnahme, zu Beginn der Geschichte, da handelt seine Freundin). Es ist eine Initiationsgeschichte ohne Initiation. Eine Geschichte über Reden und Schweigen, Schreiben und Leben, nämlich dass schreibend auf die unbedingte Veränderung der seelischen Zustände hingelebt wird, diese reale Notwendigkeit sich aber in einer irrealen, künstlich beschlossenen Welt ad absurdum führt und ins Surreale kippt. Darin ist Adelheid Duvanel eine Meisterin.

Der magere Jochen möchte Isländer sein; er stellt sich vor, daß er dann das Recht hätte, zu schweigen und zu fischen.

Das ist der erste Satz dieser Erzählung und es könnte ebenso gut der letzte sein. Alle Sätze Adelheid Duvanels wirken, als hätten sie beschlossen, sich nichts mehr hinzufügen zu lassen. Da ihre Geschichten aber Erzählungen sind und keine gesammelten Einzeiler, muss sich der Satz fortpflanzen, seine einzelnen Bestandteile oder ein bestimmtes Merkmal an seine Nachfolger vererben. Nahezu jedes Wort aus diesem ersten Satz wird in die unmittelbar folgenden Sätze übertragen, wortwörtlich wie zum Beispiel mager oder metaphorisch-assoziativ. Man empfindet diese Literatur eher, als dass man sie versteht. Das ist wie immer Kalkül und in diesem Fall ein absolut unberechenbares. „Sehr gute Kunst“, sagt der britische Theaterregisseur Peter Brooks, „ist sehr genau.“ Und wenn sich Duvanels Geschichten auch lesen mögen wie Vorstufen zu „echten“ Erzählungen, wie Rohlinge, so verrät ihre konsequente Bildführung und die starke Reduktion auf eben diesen Eindruck gesammelter Einzeiler, welcher Präzision dies bedarf.

Der magere Jochen möchte Isländer sein; er stellt sich vor, dass er dann das Recht hätte, zu schweigen und zu fischen. Gedanken wie Blattgerippe: Veronika hält sie dem mageren Jochen vor, am Stiel. Sie dreht sie, wirbelt sie.

Jochen ist mager und Veronika gemein. Damit liegen die Karten beider offen. Ein Blattgerippe, dürr, verdörrt und in Veronikas Augen die Summe aller Gedanken Jochens. Seine Bedürftigkeit zu bebildern mit einem dünnen Stängelchen, das angriffslustig vor seiner Nase tänzelt im Pinzettengriff ihrer Finger, beleuchtet die Szene und den ausgedünnten Seelenzustand umso mehr. Die Magerkeit von Jochens Körper ist bereits im zweiten Satz seiner psychischen gewichen. Der Mann wird die ganze, gut zweiseitige Geschichte lang seine Magerkeit mit sich herumtragen wie einen zweiten Vornamen, im Übrigen auch sein Schweigen. Zudem findet das Blattgerippe Anklang im vorausstehenden Wort fischen; ein Fischskelett wird förmlich sichtbar. Jochens Wunsch zu fischen, wie seine Wünsche überhaupt, manifestiert sich hier in der nicht getätigten, inneren Äußerung bereits als Gräte. Als totes Leben. So beklemmend wie elegant ist, dass Duvanel Veronika hier Bände sprechen lässt durch die sprichwörtliche Blume (oder was von ihr übrig ist). Sie hält Jochen nicht nur „etwas“ vor, die Redwendung wird noch dazu aufgeführt. Die Verkörperung einer Metapher, eines bereits Ding gewordenen Abstraktums, diese eigenwillige Dopplung, die Veronika hier pantomimisch, also schweigend in Szene setzt, ist nicht nur bewusst eingesetzte Komik, sie ist Spott pur gegen Jochens Introvertiertheit, seine Gedankenwelt und seine Sprache. Sie demütigt ihn. Die physische Aktivität Veronikas (dreht und wirbelt) ist der Passivität Jochens gegenüber gestellt (möchte, stellt sich vor); die Art der Verben zeigt deutlich Veronikas Dominanz, und, man ahnt es: Mager ist Jochens Name und Veronika der Name von Jochens Not. Gespenstig tun sich hier trotz des Schweigens der Protagonisten zwischenmenschliche Abgründe auf, nach beeindruckenden drei Sätzen, schlicht und knapp wie Schlussworte, die aus Versehen an den Anfang gerieten.

Die folgenden Sätze sollen Veronikas Eskapaden ein wenig entschuldigen:

Er weiß, daß sie als Kind viel gelitten hat. Man hat sie im Suppentopf gekocht, man hat sie geschält, man hat sie am Baum vor dem Haus aufgehängt; ein Rabe hat sie aufgefressen, wieder ausgespuckt. Noch immer lebt sie. Aber nein, natürlich wurde sie nicht im Suppentopf gekocht; man hat sie, abwechselnd, mit brühheißem und eiskaltem Wasser übergossen.

Begriffe wie geschält, aufgefressen und ausgespuckt fügen sich ein in die Bildwelt der Magerkeit, des permanenten Darbens, Ausgeliefert- und Ausgehungertseins. Der eingeschobene Kommentar Aber nein, natürlich wurde sie nicht, dient dazu, das soeben geschilderte Kindheitstrauma als reine Fiktion und Hyperbel auszuweisen. Ein Kunstgriff. Er schwächt das Gesagte ab, aber nein, der anschließende Satz potenziert die Summe der Misshandlungen noch. Die Metaphern werden zurückgenommen mittels eines aktiven Eingriffs der Erzählerin zugunsten der sprachlichen Reduktion der Gewalttat auf den Gehalt einer Zeitungsmeldung. Die Autorin hat den Leser hier ganz bewusst vom Fiktionalen der Geschichte weggezogen hin zum Nonfiktionalen. Ab dieser Stelle spricht die nackte Wahrheit. Und sie wird bei aller Surrealität die ganze Geschichte über andauern. Hier wird jemand verbrüht und das ist keine Metapher für emotionale Wechselbäder! Allenfalls ein Anklang an Jochens Wunsch, in Island zu leben, dem Land der Geysire, der Eis überzogenen Gletscher unter denen das Magma brodelt. Das Paar ist aufs Feinste miteinander verwoben, Metaphern verschränken sich, werden ausgetauscht, in neue Zusammenhänge gesetzt; Veronika und Jochen sind wie ein und dieselbe Person, ein Vexierbild. Der Rabe, ihr Trauma, wird am Schluss noch einmal auftauchen, nämlich als das seine, eingebildete. Wie Prometheus hängt Veronika an einem Fels, ausgeliefert dem Adler Ethon ähnlichen Raben, der von ihr frisst, jeden Tag ein Stück ihrer Leber. Dass er an ihrem zähen Überlebenswillen zu würgen hat, macht sie ebenso unsterblich wie die mythologische Vorlage: Noch immer lebt sie.  Jochen hoffte, sie zu erlösen: Eine Liebesbeziehung mit Veronika erschlüge den Raben und das seeleauffressende Umfeld der Kindheit und frühen Jugend. Was wir allerdings aus den kurzesn skizzierten Beschreibungen des Zusammenlebens der beiden erfahren, ist nicht weniger Seele auffressend. Beispiel:

Veronika und der magere Jochen leben in einem Betonhaus, dem häßlichsten Haus der Straße, im Parterre. (…) Der Himmel bildet ganz oben am Fenster einen gezackten, blauen oder grauen Rand; die Zacken entstehen, weil spitze Dachfenster wie winzige Häuser auf den schrägen Dächern stehen. (…) Der magere Jochen und Veronika sehen den Himmel, wenn sie sich bücken; sie bücken sich, um zu schauen, ob es regnen wird.

Dann plötzlich erfahren wir, worum es eigentlich in dieser Geschichte geht beziehungsweise gehen könnte.

Der magere Jochen nimmt sich am zweiundzwanzigsten April nach dem Mittagessen vor, am Abend seinen Wecker und seine Schlafpillen in einen Papiersack zu legen und mit dem Bus in ein stilles Hotel zu fahren, um dort zu wohnen.

Ist das die anvisierte Einsamkeit? Sein Island? Zwischen Schlaflosigkeit und Schläfrigkeit wird er mit seinem Wecker reden; der Wecker heißt Kavalier und weckt ganz sanft.

Wenn es Veronika ist, die ihm das Recht zu schweigen verweigert, er es sich aber herausnimmt – er spricht ja nicht in dieser Geschichte –, so handelt er gegen ihren Willen. In dem Moment, wo wir durchs Auge der Erzählerin seine Gedanken lesen, ihn aus ihrem Mund denken hören, bricht er sein Schweigen (und die Autorin das ihre!). Er handelt gegen Veronikas Willen. Allein das Erzählen seiner Geschichte ist Aufruhr. Wäre Jochen Isländer, das heißt weit weg von Veronika, gäbe es keinen Grund, Widerstand zu leisten. Er hätte die Freiheit zu reden und zu schweigen, wann und wo immer er wollte. Da er aber ans Verbieten und Erlauben gewöhnt, unselbständig und unmündig ist wie ein gequältes Kind, kann er sich ihren Gesetzen auch nur durch kindlichen Trotz entziehen. Anstatt sich zu emanzipieren, flüchtet er in eine homoerotische Fantasie mit einem eindeutig netten, zarten, männlichen Gegenstand. Es ist zum Fürchten und Totlachen zugleich und das Pendant zu Veronikas homoerotischer Affäre, die uns urplötzlich mitgeteilt wird. Jochen bleibt ein kleiner Junge, dessen Reifeprozess innerhalb der Geschichte vorsieht, ihn ebenso unreif aus der Sache rausgehen zu lassen, wie er reingegangen ist. Deshalb entsteht der Eindruck, in dieser Erzählung geschähe nichts, weder innere noch äußere Handlung.

Nein, der magere Jochen wird Veronika nicht verlassen, weil er sich ihre Rabenaugen nicht nur vorstellen will (…) ihr Rabenhaar (…). Er erschrak einmal, als er sah, dass ihre Kopfhaut weiß ist; er hatte sie sich schwarz vorgestellt.

Selbst diese eine, letzte Handlung ist passiver Art – er erschrak ja nicht vorsätzlich – und sogar rückdatiert. Im Imperfekt ist der Schreck definitiv vergangen und nicht wie weiterhin andauernd. Jochen weiß bereits am Anfang seiner Erzählung, dass sie kein Rabe ist. Er hat Veronikas Menschlichkeit und Harmlosigkeit längst erkannt, kann sich zwar vom Schreck, aber nicht von der (Wahn-) Vorstellung lösen, sie fräße von seinem Leben.

In vielen wunderbar geschriebenen Geschichten über seelische Brachländer gibt es aktive Gegenarbeit: Das Leben ist nicht wegzudenken aus den nach Tod riechenden Räumen. Bei Adelheid Duvanel weiß keiner überhaupt von der Existenz eines anderen Geruches. Und sie wird sich hüten, irgendwo mit einer wohlriechenden Blüte aufzuwarten, allenfalls mit einem Blattgerippe. So elegant und reich bebildert ihre Sprache auch ist, sie ist nicht blumig und nicht lebhaft. Sie lässt ihre Figuren nicht miteinander reden, sie stört sie nicht in ihren Depressionen, lässt ihre Helden sich in aller Seelenruhe nicht entwickeln. Adelheid Duvanel hält das aus. Ich wünschte, ich hätte ihre Nerven! Beim Schreiben.

Saskia Fischer

(Dieser Text ist erstmals erschienen in:
Federwelt – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren. Nr. 64, Juni/Juli 2007)
https://www.uschtrin.de/produkte/weiteres/federwelt

Adelheid Duvanel. Beim Hute meiner Mutter.
Erzählungen. Nagel & Kimche. Zürich 2004.
176 Seiten, ISBN 978-3-312-00332-7
https://www.hanser-literaturverlage.de/verlage/nagel-und-kimche

„Mit Adelheid Duvanel ist eine der wichtigsten Autorinnen der Schweiz wiederzuentdecken. In diesem Band, der in Kollektion Nagel & Kimche erscheint, versammelt Peter von Matt ihre eindrücklichsten Erzählungen, einige davon erscheinen erstmals in Buchform. Diese Prosaminiaturen bewirken einen unwiderstehlichen und unheimlichen Sog – „sie lesen sich leicht und unterhaltsam, aber sie stammen aus der finstersten Gegenwart“ (Peter von Matt).“

 

 

Bildquellen

  • The Scent of Death: pixabay.com; cc/freie Nutzung