Stadt & Land

Wüst, Wust, Wusterhausen!

Königs Wusterhausen, da wollt‘ ich schon immer mal hin. Wegen des Genitivs. Des Königs Wusterhausen. Wegen des Königs wüstem Hausen damals, seinem Lotterleben, kam dieser Ort zu seinem Namen, ein Ort wie bei Hempels unterm Sofa: Kippen, leere Bierdosen, Glasscherben, der klägliche Rest von Gesindel und Gelage. Stelle ich mir so vor. Wuster wird eben im Deutschen nicht positiv assoziiert: ein Wust, ein heilloses Durcheinander, verwüstet, öd und leer.

Und dann war es soweit: Berlin Ostbahnhof, Gleissperrung nach Unwetterschäden. Ich musste Richtung Spreewald. „Ausnahmsweise über KöWu“, wie es der Mann am Info-Stand aussprach. KöWu. Wie Köry-Wurst für Doofe.

Überall diese Einsilbigkeit! HoGeSa. Wie Solmisationssilben aus der Notenlehre. LaGeSo. LGS für Landesamt für Gesundheit und Soziales ist ja auch stocknüchtern, ebenso wie Flüchtlingsamt. LaGeSo hingegen klingt wenigstens nach einem Achselzucken: Naja, die Lage ist nun mal so, da kann man nichts machen, Lageso Lageso, und versetzt mich in den Musikunterricht zurück, wo wir die Hand zur Faust, zum Brett und so weiter alle Zeichen durch formten wie eine Konjugation, die Lippen, die Atemluft, die Stimmbänder zu Do Re Mi Fa So La Ti. Jede noch so schnöde Welt kommt so zu ihrem Klang. „Ihr Ausweichszug in KöWu fährt in 25 Minuten.“ AuWeiKöWu – so soll es sein.

Vier Sitzplätze am Gleis:

Ein Mann, der seinen Rucksack auf den freien Platz neben sich gestellt hat.

Daneben ein fast unbesetzter Platz: eine dort abgelegte, eher kleine Plastiktüte kantigen Inhalts an der Hand einer älteren Frau, die steht.

Daneben ein fetter Typ mit Sporttasche, sie fest umklammernd, als wären Millionen drin.

Alle gewähren ihrem mitgeführten Bündel einen sicheren Platz irgendwo oberhalb des Bodens, der aber tipptopp aussieht, keine Kippen, kein Abfall, nicht ein Bonbonpapier im Wind, vorbildliches KöWu, man könnte Rucksack und Sporttasche getrost unten abstellen.

Ich frage nicht den Rucksack, sondern die Frau, ob ich mich setzen darf. 25 Minuten.

Nein!, schreit sie mich an, ihre Tasche sei so schwer, die müsse sie abstellen.

Ich denke, ist doch bloß ’ne Tüte und sage kopfschüttelnd, die kann ja wohl unten stehen.

Der Typ mit dem Rucksack blickt von seinem Handy auf, macht aber keine Anstalten, ihn runter zu nehmen oder an sich zu drücken wie der andere.

Entschuldigung, kann ich mich setzen?

Er greift nach seinem Rucksack, steht auf und verschwindet. Zwei Plätze sind frei geworden. Ich nehme den des Rucksacks ein.

Die Alte setzt sich ebenfalls und schimpft, dass die Tüte nun auf ihren Oberschenkeln lagern muss; sie transportiert darin offenbar nicht nur Manschettenknöpfe in einer Geschenkbox, sondern die ganze unvorstellbare Masse eines Schwarzen Lochs.

Da könne ja jeder kommen!, schreit sie. Sich einfach auf ihren Platz setzen, noch dazu so eine dahergelaufene Tussi! Sie sagt tatsächlich Tussi.

Nur wenn ich schwanger wäre, dann ja. „Sind Sie schwanger? Haben Sie einen Schwangerenausweis? Oder wenn Ihnen schlecht würde, dann könnte ich auch eine Ausnahme machen. Ist Ihnen schlecht?“

Ich überlege, ihr auf die Tüte zu kotzen. AuWeiKöWu. Sie schimpft und schimpft. Ohne Punkt und Komma. Ich ignoriere sie, bin aber neugierig, wie weit das geht hier mit ihrem verqueren Recht-und-Ordnungs-Empfinden, dem Blockwart-Ego. Haben Sie eine Genehmigung, eine Blindenbinde, doch hoffentlich keinen Judenstern? Hier draußen scheint alles möglich.

Ich weiß nicht, aus welcher Ära die Sache mit dem Ausweis stammt, heute hat man einen Mutterpass, das ist ein richtiges Buch mit allem Drum und Dran wie Gewicht und serologischen Untersuchungen, aus Datenschutzgründen aber nicht zum Vorzeigen gedacht, wozu auch, schließlich sieht man den Bauch und kriegt einen Sitzplatz, eine Ermäßigung, manchmal auch einen Becher Tee.

Der Zug nach Frankfurt Oder fährt ein und die Alte steht auf. Die Tüte reißt nicht vor lauter gewichtigem Inhalt, sie ist noch nicht einmal sonderlich straff. Der Millionenschwere steigt weiterhin Tasche umklammernd mit ihr ein, der Rucksacktyp eilt ebenfalls herbei. Richtung Frankfurt Oder muss sich ein ganz besonderer Ort befinden für Menschen mit Paranoia. Diese hier fahren jedenfalls noch tiefer in den Osten rein, noch weiter weg von KöWu & Co. Und nun weiß ich’s: Pegida naht mit seinen nachgeburtlichen Städtepräfixen. Daher also weht der Silbenwind: LeBoDüHaBärKaSaar.

Der ursprüngliche Name von Königs Wusterhausen ist übrigens Wustrow, die Wustung, was in slawischen Dialekten Werder bedeutet, Insel, umflossener Ort. Ja, ich fühle mich durch und durch umspült hier nach dem nächtlichen Starkregen, den Unwetterschäden: von wüstem Sprachschatz, höchster Simplizität.

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