Ich habe einen Film gesehen..., Satz & Vers

Filmtipp: Schneewittchen als Torrera

Arte zeigt derzeit Blancanieves. Schneeweißchen. Schneewittchen, wie wir sagen: So weiß wie Schnee, so schwarz wie Ebenholz. Da mag der Regisseur sich gedacht haben, das kann ich auch die Kamera sprechen lassen und die sagt: Schwarz-weiß. Sagt sie nicht, macht sie. Gestochen scharfe, lackglänzende Schwarzweißbilder.

Der Vater ist kein König, der Vater ist König der Corrida. Ein Held des Stierkampfs. Weiße Haut, schwarzes Haar, so rot wie Blut, heißt es. Aber Rot fehlt. Ein spanischer Film ohne Rot! Ein spanischer Film mit einem Torrero ohne rote Rüschen, rote Borde, ohne Muleta, das ist das Wichtigste, das rote Tuch! Ein Skandal, der Stierkampf wird dominiert von Rot. Vom Tuch. Vom Tod. Vom Blut. Sieh an, ein Schneewittchen, kurzhaarig und mit Gesellschaftskritik.

Die Stiefmutter kommt ohne Spiegel aus und damit auch ohne den ewig durchgenudelten Reim. Der Spiegel ist die Filmkamera, das Objektiv. Der Narzissmus der Rivalin wird in Bildern eingefangen, wie es sich für das Filmgenre gehört, und diese sind en hommage stumm. Die Bildtafeln sind auf französisch, der olle Reim bleibt auch diesen fern. Der Film ist von 2012.

Wenn die Halbwüchsigen auftauchen, ist man bereits tief in die Welt von Großmutterliebe, Vatersehnsucht, Flamenco, Stierkampf und der Selbstsucht der Stiefmutter eingetaucht, dass man sie fast vergessen hat. Und dann bemerkt man sie nicht sofort, denn die Kamera vermeidet jede Form der Diskriminierung. Die kleinen Männer fallen nicht als solche auf. In der Vogelperspektive relativiert sich Größe, ebenso in der Ferne. Zudem sind sie nicht Bergleute, sondern Gaukler, sie stehen auf der Bühne, wir sehen also zu ihnen auf.

Einer der sieben ist eine Frau oder zumindest zu einer solchen transvestiert, das gibt dem sonstigen gangbang-Beigeschmack eine gesunde Akzentuierung, überhaupt werden die Figuren nicht sexualisiert. Schneewittchen ist keine Köchin und Putze, Schneewittchen ist politisch korrekte Torrera: Tierschützerin. Sie kommt aus ohne Töten, bezwingt den Stier mit der Kraft ihres Blicks.

Einer der Halbwüchsigen ist offen in sie verliebt. Mit seinem Hut und der größtenteils hinter ihm positionierten Blancanieves sehen die beiden gleichgroß aus und stellen damit das ideale Paar dar. Ein Prinz wäre da völlig fehl am Platz. Keine royalen Erlöserfantasien.

Der Apfel aber bleibt im Spiel, keine Sorge. Am Ende lebt Schneewittchen als Mythos auf der Bühne wieder auf. Ein Kunstgriff, mit dem sich der Film herrlich selbstironisiert. Vorsicht: Taschentücher!

Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß
98 min, Frankreich/Spanien, 2012.
Regie: Pablo Berger
Wiederholung: Freitag, 16. Oktober um 01:10 Uhr
in der Mediathek Arte +7 bis 13. Oktober 2015, 21.54h

Hier geht’s zum Film:
http://cinema.arte.tv/de/node/32636

Bildquellen

  • Blancanieves – ein Märchen von Schwarz und Weiß: arte.tv