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Mausetot

Sandy, die dickste und verfressenste von allen meinen Farbmäusen, hielt am längsten durch. Sage einer, Übergewicht verkürze das Leben!

Sie war genetisch eine Rezessiv-Rote, das heißt, ein bestimmter Erbanteil, bezogen auf die Fellfarbe, blieb versteckt, sodass sie, statt sattorange wie ihre dominant-roten Vertreter, hellorange aussah.

Der Nachteil dieses eher seltenen Genotyps ist, dass andere Erbanteile, zum Beispiel bezogen auf Größe und Gewicht, ausgeprägter hervortreten: Orangefarbene Mäuse sind derart fett, dass man sie zur sogenannten Qualzucht zählt, während Rezessive wie Sandy lediglich eine Tendenz zur Fettleibigkeit besitzen, die ethisch tolerierbar ist.

Nun will ich hier aber keinen Genetikblog eröffnen, sondern endlich zur britischen Ex-Kolumnistin Katie Hopkins kommen, die im Selbstversuch zwanzig Kilo zu und wieder abgenommen hat, nur um zu beweisen, dass dicke Menschen zu viel vom Falschen essen, sich nicht bewegen und schlichtweg zu faul zum Abnehmen sind. Das ganze natürlich mittels einer Dokumentation, die sie so reich machen wird, dass sie sich bis an ihr Lebensende ausschließlich von feinstem fugu und uni ernähren kann, selbstverständlich ohne Zuhilfenahme der Hände in der nahezu unmöglichen Yoga-Schwebehaltung des Skorpion und das alles auf Musha Cay, dem teuersten Insel-Resort der Welt. Hofft sie sicher.

Mein Mann hat Recht: Ich schreibe die falschen Bücher und greife zu oft in die Tüte mit Chips.

Sandy war am Ende ihres Lebens gerippedürr mit kahlen Stellen im Fell, das von einst lachszart zu aschegrau zerfledderte – ein mäusisches Wrack. Aber sie fraß und fraß, fütterte wohl eher ihre Tumoren groß als sich selber satt. Ich wollte sie schon vor Wochen einschläfern lassen, weil sie einen Fuß nicht mehr bewegen konnte, er versteifte komplett, und ich hatte die Hoffnung auf Heilung aufgegeben. Aber solange sie fraß und trank und sogar an das Futter auf höheren Etagen des Käfigs herankam, wäre sie einfach nur alt, nicht todgeweiht. Dachte ich.

Dann plötzlich war sie voller Kot, und ich googelte nach etwas wie Ether und der Letalität von Nagellackentfernerdämpfen. Ich googelte auch nach den Kosten fürs Einschläfern beim Tierarzt. Man injiziert zuerst eine Dosis Schlafmittel, dann das Gift. Die Maus soll nicht ewig schnappatmen, ihr Herz nicht krampfen müssen. Die Todesspritze in Teilen der USA ist nicht annähernd so human wie die EU-verordnete tierfreundlich. Das hat seinen Preis. Mich packte der Geiz. Das ist so in mir drin wie der halbe Reim hier, bisschen versteckt. Das Tier ist innerhalb der nächsten drei Tage von selbst tot, sagte ich mir. Für das Geld bekomme ich fünf bis sieben neue Mäuse. Mich schläfert auch keiner ein. Lauter so kaltes Zeug dachte ich, während Sandy der letzte Bissen im Halse stecken blieb. Sehr zur Freude Katie Hopkins. „R.I.B.“ würde sie sagen: Rest In Bite. No Peace.

Die nächste Rezessive wird Katie heißen als Rache für die Hopkins’sche Aversion: Ein Leben lang Übergewicht!

Bildquellen

  • Fressfalle: Thomas Max Müller / pixelio.de