Leseproben, Satz & Vers

Unter Strom

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„Im Sommer rannten wir durch die hohe Wiese und bauten Verstecke darin, aber im Jahr darauf schon wurde die Wiese von Kühen kahlgefressen. Man ging eines Tages um seinen Hausblock herum über den Wäscheplatz, und zwanzig Schritte weiter bekam man eine gewischt, sie hatten einen Elektrozaun gezogen gegen das Ausbüchsen der Rindviecher. Die Erwachsenen dachten wohl try and error, hätten sie in englischen Begriffen denken können, ein Kind greift einmal und nicht wieder an diesen Zaun. Wir bildeten Banden, die sich gegenseitig in den Zaun schubsten, oder ein einzelnes Kind wurde von mehreren anderen minutenlang festgehalten und gegen den Draht gedrückt, es ging anschließend immer ganz langsam umher und schon mit dem Achtzehn- statt dem Neunzehn-Uhr-Sandmännchen zu Bett.

Weil die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft bei ihren Flächennutzungsplänen nicht einkalkuliert hatte, dass der Regen ohne ein barrierebildendes Wildwurzelwerk ungehindert den Hang hinunterfließen würde, überschwemmte er die Keller und Wäscheplätze der feldnahen Wohnblocks und legte den Elektrozaun lahm. Die Kühe blieben auch ohne Stromschläge in ihrer Einzäunung, und die Genossenschaft machte sich nicht mehr die Mühe, die Kurzschlüsse zu reparieren. Unsere Mütter versanken beim Wäscheaufhängen regelmäßig im Matsch und verfluchten die Kühe, die Genossen und die Ehemänner, wobei Letztere wiederum ihre Frauen verfluchten, mussten sie doch jetzt, in ihrer ohnehin knappen Freizeit, auch noch Betonplatten herbeischleppen und verlegen. Die Plattten besaßen kleine, quadratische Aussparungen, durch die das Wasser allerdings nicht vollständig versickerte, es hinterließ besonders nach der Schneeschmelze im Frühjahr weitflächig Tümpel zwischen Zaun und Betonplattengraben, was Blutegel- und Stechmückenbiotope zur Folge hatte, die sich mithilfe einer ebenfalls neu angesiedelten Froschpopulation vielleicht selbst reguliert hätten, aber die Kinder fischten alle Kaulquappen heraus und setzten sie zu Hause in die Badewannen, während die Eltern bei der Arbeit waren. Die Mütter bekamen dann Tobsuchtsanfälle und spülten die potentiellen Fressfeinde die Toilette hinunter, zur Freude der Mücken, zur Freude der Blutegel auf unseren Unterarmen. Wir spielten Mittelalter in den Tümpeln, kochen und Wäsche waschen und vielleicht auch foltern, denn wo wir die Egel von uns abzuklauben versuchten, bildeten sich Hämatome, zur Freude einiger Eltern, weil niemand mehr sah, dass man von ihnen verprügelt wurde.“

aus: Ostergewitter. Roman. Saskia Fischer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. ISBN 978-3-518-42280-9. Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

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