Katz & Maus, Logbuch der Paradoxa

Katz und gar ethisch unbedenklich

Eine Freundin kommt zu Besuch. Wir plaudern über dies und das – in meiner Küche. Meine kleine Katze sitzt vor einem roten Ding, hoch, breit und tief wie eine Kühlgefrierkombination, 280 Liter. Das Rote ist ein Spannbetttuch, das Ding ein hochwertiger Holzkäfig, darin auf mehreren Etagen verteilt Mäuse, zu hübsch, um ihn abzudecken. Es knabbert und knuspert, raschelt und raspelt, quiekt und gluckst. Die Katze läuft von einer Käfigecke zur anderen, ich muss sie ermahnen, am Rumpf zurückziehen, damit sie Abstand hält und nicht dagegen springt, die Mäuse nicht in Todesangst erstarren. Die Freundin sagt Tierquälerei. Ich antworte Trainingsphase eins, die Katze lernt täglich hinzu, sie kann froh sein, überhaupt in der Küche sein zu dürfen. Bis vor kurzem kratzte sie, wenn ich mich dort aufhielt, draußen vor Neugier den  Türrahmen kaputt, ich konnte sie nicht länger aussperren, das war keine Lösung. Türquälerei, sagt meine Freundin. Und eigentlich meint sie ja auch die Mäuse, die sich quälen. Mit dem Katzengeruch, der Katzenpersönlichkeit, der zum ewigen Sonnenuntergang verdammten Wirklichkeit um sie herum. Du solltest ein blaues Laken nehmen, sagt sie. Das beruhigt. Ich denke, sie könnte Recht haben, auch für die Katze ist es das sprichwörtliche rote Tuch.

Später ist die Freundin weg, und ich liege mit der Katze auf dem Bauch auf dem Sofa. Sie krallt sich rhythmisch in meinen Pulli fest und Speichel tropft ihr aus der Schnauze wie bei einem Hund. Aber das ist auch schon alles an Gemeinsamkeiten. Nie wird sie mir aufs Wort gehorchen für ein paar Leckerli. Ich kann nur wieder und wieder mit ihr üben, einigermaßen ruhig vor dem Vorhang sitzen zu bleiben. Wir müssen uns ja irgendwie arrangieren, die Katze, die Mäuse und ich. Dabei haben die Nager Vorrecht, sie waren zuerst da. Mir wäre im Traum nicht eingefallen, eine Katze in meine Mäusearena zu holen, verroht wie die Menschen zu römischen Belustigungszeiten. Nein, ich habe das Kitten aus den Händen tierquälender Halter gerissen. Da ist die seelische Gewalt, ausgehend von ein paar raschelnden Mäusen, jetzt sicher das kleinere Übel für sie. Sagt der Mensch. Der zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden kann. Die Katze erinnert kein schlechter oder besser als.

Sie erhebt sich, macht einen Buckel und springt von mir runter Richtung Flur. Ich höre, dass sie mit dem Schlüsselband spielt, der Schlüssel steckt innen in der Wohnungstür. Ihr Zeichen, dass sie nach unten will. Ich habe es ihr beigebracht, ganz ohne Leckerli. Das holt sie sich jetzt selbst. In Form einer Maus. Von draußen.