Stadt & Land

Kind der Platte

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Von meinem siebten Lebensjahr an wohnten wir in der Trabantenstadt Schwarzenberg-West. Nicht, dass wir dieses Wort gekannt hätten; unsere Autos hießen so, nicht aber unsere Häuser. Wir nannten sie auch nicht Platte, sondern Neubaugebiet.

Alle Wohnblocks hatten fünf Etagen und vier Aufgänge; geradezu niedlich wirken sie im Vergleich zu den Gebäuden in Berlin Neu-Hohenschönhausen beispielsweise. Meine Schulfreunde wohnten in unmittelbarer Nähe, man kannte ihre Eltern und Geschwister, oft auch deren Großeltern. Es lebte sich dort wie in einem Riesendorf, ein paradoxer Begriff.

Wenn man bedenkt, dass Manhatten mit seinen 60 km² Fläche zur Kategorie Kleinstadt gehören würde wie das beschauliche baden-württembergische Bretten, aber aufgrund seiner Bevölkerungszahl von über 1,6 Millionen Einwohnern Metropole ist, scheint er weniger absurd. Man wohnt eben nach oben und nicht in die Breite.

Der Block in der ehemaligen Hermann-Matern-Straße im heutigen, zu Schwarzenberg-Heide umbenannten Ortsteil war der letzte am Hang, vom Balkon aus hatten wir freie Sicht auf den nahen Wald, zu der anderen Seite sah man auf die bunt getünchten Wände der Balkone vom Block vor uns. Wie ein Adventskalender aus lauter Streichholzschachteln kamen sie mir vor, die meisten liebevoll dekoriert, aber viele auch ungepflegt, trist oder einfach nur grau. Ich wusste genau, wer wo wohnte, auch wenn ich oder meine Eltern die Leute nicht persönlich kannten. Es reichte der allgegenwärtige Klatsch.

Einmal stürzte ein Mann besoffen aus dem fünften Stock gegenüber hinunter, meine Mutter war zur Stelle und leistete Erste Hilfe. Er überlebte mit einem gebrochenen Bein. So lernte man seine Spezialisten, wie meine Mutter sie nannte, über die Jahre kennen und in ihren Schächtelchen zu verorten.

Heute sind viele Blöcke abgerissen der sinkenden Nachfrage wegen; es wird wie aller(klein)orts der Mangel an Familien mit Kindern beklagt. Apropos klein: Im Modellpark Berlin-Wuhlheide darf man sich wie im Roman Gullivers Reisen von Jonathan Swift fühlen: riesig! Die Welt dort wie für Liliputaner gemacht. Mein Tipp für einen Ausflug abseits der touristischen Sehenswürdigkeiten und dennoch mitten drin.

Bildquellen

  • saskia-fischer-modellpark-berlin: Markus Thiele/mtfilmdesign.de