Neues, Stadt & Land

Raufasermeditation

Ungarn, Pannonhalma, Abtei

Die Katze starrt über Stunden die weiße Wand an wie ich das leere Blatt Papier. Sie stammt aus Ungarn, Pannonhalma, viertausend Einwohner, wenige Kilometer von Györ entfernt. Wirtschaftlich vorteilhaft, heißt es, im Schwerpunkt des Städtedreiecks Wien, Budapest, Bratislava. Weil man dort eher Arbeit findet als in anderen Landstrichen: Putzen, Reparatur-, Garten-, Friseurtätigkeiten. Dienste ohne viel Reden, denn nur wenige sprechen deutsch oder englisch, tschechisch wahrscheinlich auch keiner mehr seit der Magyarisierung vor rund einhundert Jahren. Wessen Polizei sich Rendörseg nennt, statt wie weltweit Polizi und dergleichen, der wird kaum etwas aus anderen Sprachen entlehnen und bleibt auch unter Nachbarn fremd.

Über Pannonhalma erhebt sich rebengesäumt eine tausend Jahre alte Benediktinerabtei, die zum Weltkulturerbe gehört, großzügige Investitionen erfuhr und im Sommer als Hochzeitskulisse dient. Das klostereigene Hotel wird für solche Festlichkeiten allerdings selten genutzt, weil die meisten Brautpaare für Prunk kein Geld übrig haben, ebenso wenig wie für den Erwerb der Weine. Sie machen Fotos und fahren wieder heim. In der Krypta der Abtei befindet sich das konservierte Herz Otto von Habsburgs; es sind also keine verarmten K.u.k.-Nostalgiker, die diese Stätte besuchen, jedenfalls keine Ungarn.

Der Versuch, das Dorf am Tourismus zu beteiligen, ist ein Affront. Der kleine Supermarkt in der Ortsmitte bekam einen steinernen Boulevard vor die Tür gesetzt, grau wie eine Skaterplattform, ohne Baum und Bänke, eine skatende Jugend sucht man hier sowieso vergebens. Den Zuschlag zum Bau erhielten österreichische Firmen; im Umkreis von Györ und Pannonhalma kam kein einziger Ungar zu Arbeit und Lohn. Nun hocken die Einwohner in der von sieben Uhr morgens bis fünf anderntags geöffneten Kneipe mit dieser Schandtat vor Augen, wehrlos, sprachlos, hackedicht.

Um es kurz zu machen, das Katzenkind sprang in meine Jacke und kam nicht wieder heraus. Der Vorbesitzer nannte es Walnusshirn. Er ist Deutscher und lebt mit einer Österreicherin in Wien, sie genießen die europäische Freizügigkeit: Datscha und Dienstleistungen grenznah zu Dumpingpreisen.

Wir einigen uns, die Katze und ich, dass ihre Abkehr nicht genetisch, nicht nationalistisch bedingt ist und auch nicht falsche Sozialisation, sondern Ausdruck von mangelnder Emanzipation. Sie hat ein Jahr Berlin gebraucht, Laut von sich zu geben. Sie wird ein weiteres brauchen, ihre eigene Begrenztheit zu akzeptieren. Erziehung zu Selbstbewusstsein braucht eben Geduld. Beleidigtsein, wem soll das nützen? Dauernde Zuwendung? Ungarn erwartet sie vom Westen seit Jahren. Kittengepampere!

Am Ende wird die Katze ganz Zen sein: In sich ruhend, wandabgewandt, weltzugewandt und komplett erneuert. Ein leiser Luftstrom, und die Schnurrhaare wissen Bescheid: Ein Fenster hat sich geöffnet, eine Tür, ein ganzes Universum von Möglichkeiten. Einen Zaun hochzuziehen wäre schlicht kindisch.

 

Hier geht’s zur offiziellen Website der Abtei Pannonhalma in deutscher Sprache:
http://bences.hu/lang/de/

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