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Geschieden – Die Jürgens der Siebziger

Udo Jürgens Tod ausgerechnet vor Weihnachten! Und eine deutsche Familie wie sie leibt und lebt: Zwischen Gans und Hasenbraten fließt pathetisch Griechischer Wein und allerlei Fremdenfeindliches, Gastarbeiteranekdoten aus Onkels und Tantchens Mund. Die Jüngeren am Tisch sind längst in New York gewesen, finden den Weltstar unglaubwürdig und albern. Dabei erzählt er im Lied gar nicht von sich selbst, sondern von jemandem, der im Alltag feststeckt und sich nach Aufbruch und Verrücktheiten sehnt.

Meine ganze Sympathie für Udo Jürgens beruht auf einem Missverständnis. Die zehnjährige Andrea Jürgens besang 1977 in Und dabei liebe ich euch beide das Scheidungstrauma des vom Vater getrennt lebenden Kindes. Ich hielt sie für Udo Jürgens Tochter. Die Mutter im Lied kam schlecht weg, weil sie sich der Vater-Tochter-Beziehung entgegen stellte, und Udo Jürgens galt mein ganzes Mitgefühl. Ich fand, Andrea war noch gut dran. Warum zu dir nur zweimal im Monat?, sang sie. Ich sah und hörte von meinem Vater nach der Scheidung gar nichts mehr, weil meine Mutter es so wollte, oder aber weil er neu heiratete und neu zeugte und sein altes Leben einfach vergaß. Das Lied lief im Radio rauf und runter. Rings um mich herum war nahezu jeder geschieden; die Väter und Mütter müssen doch die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen gehabt haben! Und nicht genug: Sie nahmen den Song auch noch auf Kassette auf zum Immerwiederquälen.

Jahrzehntelang wälzten sie sich in passiver Frustration wegen der Ferne zum Kind und der Reduzierung aufs bloße Alimentezahlen oder – bei den Müttern – der unsexy Alleinerzieherei. Erst 1998 trat eine Reform in Kraft, die Kinderrechte und Elternpflichten neu regelte. Patchwork war geboren, Dinge wie das paritätische Wechselmodell.

1984, als Udo Jürgens mit seiner Tochter Jenny Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden die Charts stürmte und ich mich freute, dass sie ihre Beziehung doch einigermaßen an Mutter und Ex vorbei hingekriegt hatten, wurde mir klar, dass Andrea nie seine Tochter gewesen ist. Ich finde auf Youtube sein Geschieden von 1974: Die Kleine könnten wir ja nun vorerst zu deinen Eltern tun. Autsch!
Das Dessert wird aufgetischt, und die Familie kann endlich lautstark um Sahne bitten.

Bildquellen

  • Mann am Klavier: Christian Seidel/pixelio.de