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Dystopien in Aquamarin – Derek Walcott zum 85. Geburtstag

Jamaika, 1999. Auf dem Motorrad unterwegs entlang der Westküste. Traumstrände im Blick, Schnorchelausflüge, Papageienfischessen, saubillig versteht sich, Rum, Reggae und Ganja – phat wie Kolonialherren. In Wirklichkeit dösen die Strände in Geierlangeweile vor sich hin, keine Brandung, kein Stein als Deckung für einen verirrten Fisch, das Wasser salzig-warm wie im Thermalbad, nur dass es draußen nicht friert, sondern auf dich nieder brennt. Baden ist eine Strafe. Das Leben besteht einzig und allein aus der Suche nach Schatten, Eiswürfel, Fahrtwind, einer klimatisierten Bar. Zwischen der asphaltierten Straße und dem Meer hockt ein Angler, zwei Tuna liegen in einem kleinen Verschlag, wo er sie mit etwas Gemüse zubereitet. Nicht so billig wie erhofft, dafür local. Dann packt er zusammen. Auf Leute wie uns wartet er einen ganzen Tag.

Früh wird es dunkel. Überall Drogenhandel und Musiker. Ein Irrglaube, dass sie, betäubt, frei von Gewalt wären. Man holt sich, was man braucht. Den Rest erledigt der Rum. Wir ziehen uns zurück und starren aufs schwarze Wasser. Von fern der immer gleiche Reggae. Man hält es kaum aus, das ständige Nebeneinander von Disparatem. Die Klimaanlage im Zimmer ächzt und stöhnt. Schlafen wir lieber bei Hitze oder lieber bei Lärm? Lieber als – unsere weiße Sprache! Als hätte man hier eine Wahl.

Zwei Jahre später, Hünxe, am Niederrhein. Derek Walcott, der Karibische Homer und Literaturnobelpreisträger von 1992, liest in einem alten Tabakspeicher aus seinen Gedichten. Ich denke, endlich mal einer der reinpiekst in die saftige europäische und nordamerikanische Paradiesvorstellung, die sie selbst zum Verderben, zur Fäulnis gebracht haben. Es war die Zeit des Billigflugbooms, wo sich die Dom Rep zum zweiten Malle zu wandeln begann. Oder, mit Walcott gesagt, ein gelbes Glasbodenboot schnellt wie ein Hai, um den nächsten Schwarm zum Picknick zu holen.

Store Bay heißt dieses Gedicht. Sucht man die Bucht im Internet, landet man auf Tobago, „the most popular beach“, blaues Meer, weißer Sand, verspricht ein Reiseanbieter. Hierher kommen die Leute, um zu heiraten, ihre Flitterwochen zu verbringen, Walcott aber kommt zu seiner zweiten Scheidung. In seinen Versen ist die Gegend nichts als aggressiv: Die Flügel der Kormorane blitzen wie Messer, Sonnenstrahlen schlitzen in den Metallhorizont. Zeilen, an Trauer und Resignation kaum zu überbieten: Ich beneide den Oktopus, der Tinte statt Blut hat, seine baumelnden, herausgezogenen Drähte, frei treibend, unverheiratet.

Immerhin, der Dichter wehrt sich mit einem Tintenausstoß. Man ahnt, das ist das einzige, was er tun kann, sein hoffentlich langes Leben lang: Schreiben. Denn Lieben scheint unmöglich hier: Nach uns neue Ehemänner, neue Ehefrauen. Der Plural liest sich wie eine Prophezeihung: Auch die dritte Ehe Walcotts wird geschieden.

Derek Walcott. Erzählungen von den Inseln. Gedichte. Carl Hanser Verlag, 1995

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