Ich habe einen Film gesehen..., Neues, Stadt & Land

Chef’s Table, Season 2

Man muss weder als Koch geboren sein, noch Koch-Shows mögen: Was es bei Chef’s Table zu bestaunen gibt, lockt selbst den letzten Trendverweigerer hinterm Ofen respektive dem Herd hervor.

War die erste Staffel der Netflix-Doku-Reihe 2015 bereits von der Kritik bejubelt, so sprengt die zweite alle Sinnesgrenzen. Man sitzt vor dem Bildschirm, riecht nichts, schmeckt nichts und befindet sich erst recht nicht Zigtausende von Kilometern entfernt in den fantastischen Räumen des Atelier Crenn beispielsweise, dem Restaurant von Dominique Crenn in Kalifornien. Es sind diese hochemotionellen, fein-sinnlichen Bilder, die vom ersten Augenblick an fesseln und einen olfaktorischen und gustatorischen Suchtfaktor freisetzen. Man schaut Folge um Folge, wie es sich für packende Serien eben gehört, wenngleich hier ohne gefahrensituative Cliffhanger oder verflochtene Erzählstränge.

Die Aufnahmen der Zutaten und Gerichte, der Restaurantinterieurs, der Edelstahlküchen und Utensilien, der unmittelbaren Umgebung begeistern jedesmal neu  – Wälder, Wiesen, Ozeane. Parallel dazu finden sich Kindheitsfotos der minutiös Scheibchen arrangierenden Kochstars, ihre nicht immer freudvollen Erinnerungen – Armut, Schulversagen oder wie bei Dan Barber (Staffel 1) der frühe Tod der Mutter. Das Handwerk der hohen Kochkunst wird so mit dem Handwerk der dokumentarischen Erzählkunst verwoben, es entstehen ergreifende Porträts, die man nicht so schnell vergisst.

Fast jeder der vorgestellten Köche und Köchinnen berichtet vom enormen Leistungsdruck, den schwierigen Anfängen und unveränderten Versagensängsten trotz größtem Erfolg. Stets bleibt die Kamera intensiv und nahbar, mitreißende Schnitte wechseln sich ab mit Zeitlupensequenzen, der Einsatz von Musik ist der kulinarischen Sinfonie gemäß dramatisch.

Wer glaubt, der Kochlöffel sei die Grundausstattung eines Maître de Cuisine, der irrt, es ist die Pinzette. Akribisch wird ein mikroskopisch kleines Kräuterblättchen in einen Cremetropfen gesetzt, ein hauchdünner Blattgoldschleier über eine Physalishälfte gezogen – ein Handwerk, dem eines Goldschmieds oder Uhrmachermeisters vergleichbar.

Auftakt der 2. Staffel macht Superstar Grant Achatz aus den USA. In seinem Restaurant Alinea kredenzt er essbare Ballons und auf transparenten Luftkissen „schwebende“ Gerichte. Durch den leichten Druck beim Zerkleinern der Speise entweicht Muskatnussaroma unter ihr aus dem Kissen – die perfekte Synästhesie. Zum Abschluss seiner Menüfolge gibt es auf einem „action-gepainteten“ Leinwand-Nachtischtuch tropische Früchte – Jackson Pollock „zum Vernaschen“.

Grant Achatz unglaubliche Erfolgsgeschichte wendet sich plötzlich in eine Katastrophe: Er erzählt, wie er feststellen musste, dass er an Zungenkrebs erkrankt war und seinen Geschmackssinn verlor. Mit Hilfe einer augeklügelten, rein theoretischen Geschmacksskala und der Geduld und Hingabe seines Teams gelingt es ihm, aufregender zu kochen als jemals zuvor, und er avanciert zum besten Koch der USA. Chapeau!

(Über Unsinn und Perversion von Gerichten und deren Verzehr zu Preisen in den Zehntausendern spreche ich an anderer Stelle.)

Ab heute auf netflix.de.
Mit deutschen Untertiteln.

Übrigens…
Staffel 3 wird ebenfalls noch in diesem Jahr auf netflix.de ausgestrahlt: „The French Installment“.
Staffel 4 folgt 2017, darin wird u.a. Tim Raue porträtiert.

Official trailer:
https://youtu.be/C7SNSWEV708