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Planetengedichte / № 6

Saskia Fischer
Hubert-Curien-Gedenkstätte, Titan, Lander Huygens, 2007

 

Ein Ort mit starkem Bezug zu katastrophalem
Ereignis soso, Haft und Erschießung,
Erinnern und Mahnen, pädagogische Arbeit
mit Jugendlichen – was fällt euch ein?

 

Ich bewältigte Aufgaben, welche die Zukunft mir auftrug:
Forschungsminister, Konstrukteur von Raketen.
Ein Landeplatz, sieben Jahre von der Erde entfernt
stellvertretend für alle ermordeten Wissenschaftler?

 

Ich bin bei Paris eines natürlichen Todes gestorben,
kein Opfer, kein Sohn des Saturn,
obwohl für die Raumfahrt ich mein Leben gegeben,
als Kind bereits von der Allmacht des Alls geschnappt

 

und geschluckt. Gedenkt meiner
an den unwirtlichsten Stellen des Universums,
den ewig unbeflaggten, wo schwarze Brocken Eis,
Staub, Tümpel Methans, dichter, gelber Dunst.

 

Aber lasst den Zirkus mit dem erhobenen Zeigefinger!
Lasst einfach ein Sondenärmchen im Boden zurück.
Und über ihm geht der Planet auf: Hallo
Hula-Hoop-Reifen-Schwinger, tolle Nummer, du!

Bahnhofskonzert

An einem Mittwochmorgen tat die Mutter endlich, was sie schon immer einmal tun wollte: ausschlafen, richtig ausschlafen, so lange sie wollte. Einmal nicht geweckt werden, nicht von der Tochter, dem Rheuma, den Vögeln. Sie schlief einfach weiter und ging (es war wie Geburtstaghaben) gleich in ein Mittagsschläfchen über. Und das an einem so sonnigen Tag!

Die Tochter stellte Teewasser auf den Herd, spannte in dem noch kahlen Garten den bunten Schirm auf, nahm Platz darunter und wartete. Und wie sie so dasaß und wartete, schien plötzlich jede Minute ein grünes Blatt hervorzubringen – eins am linken Strauch, eins am rechten, dann noch eins und noch eins, bis der ganze Garten in seinem schönsten Frühling stand. Der Goldregen war gewachsen und leuchtete prächtig.

Der Wasserkessel rief und rief. Aber die Mutter schlief einfach weiter, schlief bis spät in den Nachmittagshimmel hinein, der war rosenrot, und die grauen Linien darauf liefen in- und auseinander wie Schienen. Was für ein Glück für die Mutter! Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte sie in einem Schlafwagen fahren, noch dazu in einem so langen, was für ein Glück – wenn auch ein spätes. Der Wasserkessel gab sein Bestes und pfiff zur Abfahrt. Wind kam auf und brachte Wolken. Weiße Wolken, zerzaust wie das Haar eines Dirigenten, der sehr bewegt wird von seinem Orchester. O wie es paukte und geigte und blies!

Als alles zuende war, der Vorhang gefallen, die Ränge dunkel, erhob sich die Tochter, klappte den Schirm zusammen und strich behutsam über den Stoff. Der Wasserkessel schnaufte sein Letztes.

Mit freundlicher Genehmigung durch den Grupello Verlag.

aus: Saskia Fischer. Wenn ich Himmel wär. Gedichte. Grupello Verlag, Düsseldorf 1998

Das Recht zu schweigen – Zum 20. Todestag der Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel

Über die Erzählung Kavalier von Adelheid Duvanel

Kavalier ist die Geschichte eines junges Mannes, der seine Freundin verlassen will, sie aber nicht verlassen wird. Sein Vorhaben verkündet er erst gegen Ende der Geschichte, so dass den Hauptteil der Erzählung die Beschreibung der desolaten Lebensumstände des Paares bildet. Indem Adelheid Duvanel dabei das Präsens verwendet, macht sie die immer wiederkehrende Alltagstristesse spürbar. Diese Berichterstattung wird umrahmt vom Wunsch des Protagonisten nach Veränderung bis hin zum Fassen seines Entschlusses; die dritte Ebene des Handelns fehlt, als reichte es, sich die Trennung auszumalen als deren Vollzug. Die Erzählung handelt, ganz ohne äußere Handlung, von der Handlungsunfähigkeit eines Mannes (bis auf eine Ausnahme, zu Beginn der Geschichte, da handelt seine Freundin). Es ist eine Initiationsgeschichte ohne Initiation. Eine Geschichte über Reden und Schweigen, Schreiben und Leben, nämlich dass schreibend auf die unbedingte Veränderung der seelischen Zustände hingelebt wird, diese reale Notwendigkeit sich aber in einer irrealen, künstlich beschlossenen Welt ad absurdum führt und ins Surreale kippt. Darin ist Adelheid Duvanel eine Meisterin.

Der magere Jochen möchte Isländer sein; er stellt sich vor, daß er dann das Recht hätte, zu schweigen und zu fischen.

Das ist der erste Satz dieser Erzählung und es könnte ebenso gut der letzte sein. Alle Sätze Adelheid Duvanels wirken, als hätten sie beschlossen, sich nichts mehr hinzufügen zu lassen. Da ihre Geschichten aber Erzählungen sind und keine gesammelten Einzeiler, muss sich der Satz fortpflanzen, seine einzelnen Bestandteile oder ein bestimmtes Merkmal an seine Nachfolger vererben. Nahezu jedes Wort aus diesem ersten Satz wird in die unmittelbar folgenden Sätze übertragen, wortwörtlich wie zum Beispiel mager oder metaphorisch-assoziativ. Man empfindet diese Literatur eher, als dass man sie versteht. Das ist wie immer Kalkül und in diesem Fall ein absolut unberechenbares. „Sehr gute Kunst“, sagt der britische Theaterregisseur Peter Brooks, „ist sehr genau.“ Und wenn sich Duvanels Geschichten auch lesen mögen wie Vorstufen zu „echten“ Erzählungen, wie Rohlinge, so verrät ihre konsequente Bildführung und die starke Reduktion auf eben diesen Eindruck gesammelter Einzeiler, welcher Präzision dies bedarf.

Der magere Jochen möchte Isländer sein; er stellt sich vor, dass er dann das Recht hätte, zu schweigen und zu fischen. Gedanken wie Blattgerippe: Veronika hält sie dem mageren Jochen vor, am Stiel. Sie dreht sie, wirbelt sie.

Jochen ist mager und Veronika gemein. Damit liegen die Karten beider offen. Ein Blattgerippe, dürr, verdörrt und in Veronikas Augen die Summe aller Gedanken Jochens. Seine Bedürftigkeit zu bebildern mit einem dünnen Stängelchen, das angriffslustig vor seiner Nase tänzelt im Pinzettengriff ihrer Finger, beleuchtet die Szene und den ausgedünnten Seelenzustand umso mehr. Die Magerkeit von Jochens Körper ist bereits im zweiten Satz seiner psychischen gewichen. Der Mann wird die ganze, gut zweiseitige Geschichte lang seine Magerkeit mit sich herumtragen wie einen zweiten Vornamen, im Übrigen auch sein Schweigen. Zudem findet das Blattgerippe Anklang im vorausstehenden Wort fischen; ein Fischskelett wird förmlich sichtbar. Jochens Wunsch zu fischen, wie seine Wünsche überhaupt, manifestiert sich hier in der nicht getätigten, inneren Äußerung bereits als Gräte. Als totes Leben. So beklemmend wie elegant ist, dass Duvanel Veronika hier Bände sprechen lässt durch die sprichwörtliche Blume (oder was von ihr übrig ist). Sie hält Jochen nicht nur „etwas“ vor, die Redwendung wird noch dazu aufgeführt. Die Verkörperung einer Metapher, eines bereits Ding gewordenen Abstraktums, diese eigenwillige Dopplung, die Veronika hier pantomimisch, also schweigend in Szene setzt, ist nicht nur bewusst eingesetzte Komik, sie ist Spott pur gegen Jochens Introvertiertheit, seine Gedankenwelt und seine Sprache. Sie demütigt ihn. Die physische Aktivität Veronikas (dreht und wirbelt) ist der Passivität Jochens gegenüber gestellt (möchte, stellt sich vor); die Art der Verben zeigt deutlich Veronikas Dominanz, und, man ahnt es: Mager ist Jochens Name und Veronika der Name von Jochens Not. Gespenstig tun sich hier trotz des Schweigens der Protagonisten zwischenmenschliche Abgründe auf, nach beeindruckenden drei Sätzen, schlicht und knapp wie Schlussworte, die aus Versehen an den Anfang gerieten.

Die folgenden Sätze sollen Veronikas Eskapaden ein wenig entschuldigen:

Er weiß, daß sie als Kind viel gelitten hat. Man hat sie im Suppentopf gekocht, man hat sie geschält, man hat sie am Baum vor dem Haus aufgehängt; ein Rabe hat sie aufgefressen, wieder ausgespuckt. Noch immer lebt sie. Aber nein, natürlich wurde sie nicht im Suppentopf gekocht; man hat sie, abwechselnd, mit brühheißem und eiskaltem Wasser übergossen.

Begriffe wie geschält, aufgefressen und ausgespuckt fügen sich ein in die Bildwelt der Magerkeit, des permanenten Darbens, Ausgeliefert- und Ausgehungertseins. Der eingeschobene Kommentar Aber nein, natürlich wurde sie nicht, dient dazu, das soeben geschilderte Kindheitstrauma als reine Fiktion und Hyperbel auszuweisen. Ein Kunstgriff. Er schwächt das Gesagte ab, aber nein, der anschließende Satz potenziert die Summe der Misshandlungen noch. Die Metaphern werden zurückgenommen mittels eines aktiven Eingriffs der Erzählerin zugunsten der sprachlichen Reduktion der Gewalttat auf den Gehalt einer Zeitungsmeldung. Die Autorin hat den Leser hier ganz bewusst vom Fiktionalen der Geschichte weggezogen hin zum Nonfiktionalen. Ab dieser Stelle spricht die nackte Wahrheit. Und sie wird bei aller Surrealität die ganze Geschichte über andauern. Hier wird jemand verbrüht und das ist keine Metapher für emotionale Wechselbäder! Allenfalls ein Anklang an Jochens Wunsch, in Island zu leben, dem Land der Geysire, der Eis überzogenen Gletscher unter denen das Magma brodelt. Das Paar ist aufs Feinste miteinander verwoben, Metaphern verschränken sich, werden ausgetauscht, in neue Zusammenhänge gesetzt; Veronika und Jochen sind wie ein und dieselbe Person, ein Vexierbild. Der Rabe, ihr Trauma, wird am Schluss noch einmal auftauchen, nämlich als das seine, eingebildete. Wie Prometheus hängt Veronika an einem Fels, ausgeliefert dem Adler Ethon ähnlichen Raben, der von ihr frisst, jeden Tag ein Stück ihrer Leber. Dass er an ihrem zähen Überlebenswillen zu würgen hat, macht sie ebenso unsterblich wie die mythologische Vorlage: Noch immer lebt sie.  Jochen hoffte, sie zu erlösen: Eine Liebesbeziehung mit Veronika erschlüge den Raben und das seeleauffressende Umfeld der Kindheit und frühen Jugend. Was wir allerdings aus den kurzesn skizzierten Beschreibungen des Zusammenlebens der beiden erfahren, ist nicht weniger Seele auffressend. Beispiel:

Veronika und der magere Jochen leben in einem Betonhaus, dem häßlichsten Haus der Straße, im Parterre. (…) Der Himmel bildet ganz oben am Fenster einen gezackten, blauen oder grauen Rand; die Zacken entstehen, weil spitze Dachfenster wie winzige Häuser auf den schrägen Dächern stehen. (…) Der magere Jochen und Veronika sehen den Himmel, wenn sie sich bücken; sie bücken sich, um zu schauen, ob es regnen wird.

Dann plötzlich erfahren wir, worum es eigentlich in dieser Geschichte geht beziehungsweise gehen könnte.

Der magere Jochen nimmt sich am zweiundzwanzigsten April nach dem Mittagessen vor, am Abend seinen Wecker und seine Schlafpillen in einen Papiersack zu legen und mit dem Bus in ein stilles Hotel zu fahren, um dort zu wohnen.

Ist das die anvisierte Einsamkeit? Sein Island? Zwischen Schlaflosigkeit und Schläfrigkeit wird er mit seinem Wecker reden; der Wecker heißt Kavalier und weckt ganz sanft.

Wenn es Veronika ist, die ihm das Recht zu schweigen verweigert, er es sich aber herausnimmt – er spricht ja nicht in dieser Geschichte –, so handelt er gegen ihren Willen. In dem Moment, wo wir durchs Auge der Erzählerin seine Gedanken lesen, ihn aus ihrem Mund denken hören, bricht er sein Schweigen (und die Autorin das ihre!). Er handelt gegen Veronikas Willen. Allein das Erzählen seiner Geschichte ist Aufruhr. Wäre Jochen Isländer, das heißt weit weg von Veronika, gäbe es keinen Grund, Widerstand zu leisten. Er hätte die Freiheit zu reden und zu schweigen, wann und wo immer er wollte. Da er aber ans Verbieten und Erlauben gewöhnt, unselbständig und unmündig ist wie ein gequältes Kind, kann er sich ihren Gesetzen auch nur durch kindlichen Trotz entziehen. Anstatt sich zu emanzipieren, flüchtet er in eine homoerotische Fantasie mit einem eindeutig netten, zarten, männlichen Gegenstand. Es ist zum Fürchten und Totlachen zugleich und das Pendant zu Veronikas homoerotischer Affäre, die uns urplötzlich mitgeteilt wird. Jochen bleibt ein kleiner Junge, dessen Reifeprozess innerhalb der Geschichte vorsieht, ihn ebenso unreif aus der Sache rausgehen zu lassen, wie er reingegangen ist. Deshalb entsteht der Eindruck, in dieser Erzählung geschähe nichts, weder innere noch äußere Handlung.

Nein, der magere Jochen wird Veronika nicht verlassen, weil er sich ihre Rabenaugen nicht nur vorstellen will (…) ihr Rabenhaar (…). Er erschrak einmal, als er sah, dass ihre Kopfhaut weiß ist; er hatte sie sich schwarz vorgestellt.

Selbst diese eine, letzte Handlung ist passiver Art – er erschrak ja nicht vorsätzlich – und sogar rückdatiert. Im Imperfekt ist der Schreck definitiv vergangen und nicht wie weiterhin andauernd. Jochen weiß bereits am Anfang seiner Erzählung, dass sie kein Rabe ist. Er hat Veronikas Menschlichkeit und Harmlosigkeit längst erkannt, kann sich zwar vom Schreck, aber nicht von der (Wahn-) Vorstellung lösen, sie fräße von seinem Leben.

In vielen wunderbar geschriebenen Geschichten über seelische Brachländer gibt es aktive Gegenarbeit: Das Leben ist nicht wegzudenken aus den nach Tod riechenden Räumen. Bei Adelheid Duvanel weiß keiner überhaupt von der Existenz eines anderen Geruches. Und sie wird sich hüten, irgendwo mit einer wohlriechenden Blüte aufzuwarten, allenfalls mit einem Blattgerippe. So elegant und reich bebildert ihre Sprache auch ist, sie ist nicht blumig und nicht lebhaft. Sie lässt ihre Figuren nicht miteinander reden, sie stört sie nicht in ihren Depressionen, lässt ihre Helden sich in aller Seelenruhe nicht entwickeln. Adelheid Duvanel hält das aus. Ich wünschte, ich hätte ihre Nerven! Beim Schreiben.

Saskia Fischer

(Dieser Text ist erstmals erschienen in:
Federwelt – Zeitschrift für Autorinnen und Autoren. Nr. 64, Juni/Juli 2007)
https://www.uschtrin.de/produkte/weiteres/federwelt

Adelheid Duvanel. Beim Hute meiner Mutter.
Erzählungen. Nagel & Kimche. Zürich 2004.
176 Seiten, ISBN 978-3-312-00332-7
https://www.hanser-literaturverlage.de/verlage/nagel-und-kimche

„Mit Adelheid Duvanel ist eine der wichtigsten Autorinnen der Schweiz wiederzuentdecken. In diesem Band, der in Kollektion Nagel & Kimche erscheint, versammelt Peter von Matt ihre eindrücklichsten Erzählungen, einige davon erscheinen erstmals in Buchform. Diese Prosaminiaturen bewirken einen unwiderstehlichen und unheimlichen Sog – „sie lesen sich leicht und unterhaltsam, aber sie stammen aus der finstersten Gegenwart“ (Peter von Matt).“

 

 

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Von der Waffe genarrt

Letzte Nacht träumte ich, ein Rudel Hunde hätte versucht, über meine Terrassenfensterfront ins Haus zu kommen, wobei ich in Wirklichkeit nicht einmal einen Balkon habe. Hätte ich („nur zur Tierabwehr“) Pfefferspray im Hause gehabt, ich hätte mit Sicherheit nicht gewusst wo; ich nehme an, dort, wo das WD40 steht, das Fahrradöl und Nachfüllgas, aber diese Fläschchen wechseln ihre Standorte dauernd und sind nie zur Hand, wenn man sie braucht. Worauf ich hinaus will: Überall soll laut Medienberichten Pfefferspray ausverkauft sein, was noch keine Rückschlüsse auf seinen tatsächlichen Einsatz zulässt, allenfalls auf gesteigerte Angst. („Sehnsucht nach Sicherheit“, www.deutschlandradiokultur.de) Weiterlesen

Chef’s Table, Season 2

Man muss weder als Koch geboren sein, noch Koch-Shows mögen: Was es bei Chef’s Table zu bestaunen gibt, lockt selbst den letzten Trendverweigerer hinterm Ofen respektive dem Herd hervor.

War die erste Staffel der Netflix-Doku-Reihe 2015 bereits von der Kritik bejubelt, so sprengt die zweite alle Sinnesgrenzen. Man sitzt vor dem Bildschirm, riecht nichts, schmeckt nichts und befindet sich erst recht nicht Zigtausende von Kilometern entfernt in den fantastischen Räumen des Atelier Crenn beispielsweise, dem Restaurant von Dominique Crenn in Kalifornien. Es sind diese hochemotionellen, fein-sinnlichen Bilder, die vom ersten Augenblick an fesseln und einen olfaktorischen und gustatorischen Suchtfaktor freisetzen. Man schaut Folge um Folge, wie es sich für packende Serien eben gehört, wenngleich hier ohne gefahrensituative Cliffhanger oder verflochtene Erzählstränge. Weiterlesen

Geschichten erfinden mit Story Cubes

Lust auf selbst ausgedachte Miniaturstories?

Geschichten-Würfel eignen sich hervorragend als Aufwärmtraining vor dem eigentlichen, professionellen Schreiben, machen aber auch großen Spaß zwischendurch, vor allem mit etwas älteren Kindern. Lachmuskeltraining! Dabei unbedingt das Smartphone mit eingeschaltetem Diktiergerät bereitlegen!  (Extra-Tipp: Die App „Speech-to-Text“ nimmt das Erzählte auf und wandelt es in geschriebenen Text um, was neue Kuriositäten hervorbringt.)

So geht’s:

Rolle alle 9 Würfel und erzähle eine Geschichte, die miteinander alle 9 Würfelbilder verbindet. Starte mit dem ersten Symbol, das sich anbietet. Es gibt keine falsche Antwort. Das Gehirn denkt in Bildern und findet Wege, um die Bilder zu verbinden. Weiterlesen

Planetengedichte / No. 7

VII
Epsilon-Ring / Uranus / 6 Zoll Spiegelteleskop / 1797

Herschel Herschel! Heerschar von Begabungen!
Vorherrschend Musik: Komponist Organist
Konzertdirektor. Entdecker von Oberon Titania
Encelados Mimas – einziger Mondentdecker
seines Jahrhunderts. Uranus. Entdecker
der Ringe. Der Infrarotstrahlung. Schlag
zum Ritter. Er begründet die Kosmologie
baut die besten Spiegelteleskope der Welt.
Herrschaften der Herr hat auch eine Schwester.
Vokalistin. Entdeckt vierzehn Nebel Encke
und sieben weitere Kometen. Ein roher Klotz
sei sie so ihre Mutter und soll sie auch bleiben
ein nützlicher aber bitte. Danke Caroline Lucretia
erste Frau mit Gehalt aus wissenschaftlicher Tätigkeit.
Sie rechnet wie ein Weltmeister: Zenitdistanz
Neigungsreduktion: Goldmedaille der Akademie.
Keine Ehe keine Kinder. Keine Zeit: König
hier Gauß da. Die Kataloge müssen wachsen
all die Register. Neunundachtzig
Jahre geworden. Zu diesen Zeiten! Aber
beherrscheln Sie sich doch meine Herren
es geht ja weiter mit Ihrem Geschlecht: Herschel
Junior: Julianisches Datum eingeführt ausgeführt
den königlichen Münzmeisterberuf. Geadelter
Präsident der Astronomiegesellschaft Sternwart
Erfinder fotografischer Edeldruckverfahren…

Uranus’ Pole liegen ein halbes Jahrhundert im Dunkeln
der Durchstoßpunkt der Herschel-Achse
zweieinhalbmal so lang aufrecht im Glanz.

 

Aus: Saskia Fischer. Planetengedichte.
copyright Saskia Fischer 2016

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Schuh verloren – Rolf Hoppe zum 85. Geburtstag

„Dass ich älter werde, merke ich daran, dass ich den König attraktiver finde als den Prinzen“, las ich letztes Jahr, nachdem Drei Haselnüsse für Aschenbrödel die Fernsehsender rauf und runter gelaufen war wie jedes Weihnachten. Der König wird von Rolf Hoppe gespielt, der ist zur Entstehungszeit des Films 42, stellt aber mit Vollbart und Wanst eine alternde Autorität dar, die Abdankung naht. Sein Sohn, ewiger Junggeselle mit nichts als Flausen im Kopf, droht als Thronfolger auszuscheiden. Wenn nicht bald die Liebe an die Tür klopft, muss eine Ehe arrangiert werden und sei sie noch so herzensfern.

Heute, am 1. Advent wird der Film zum Saisonauftakt wie zu erwarten gesendet, und weil ich die oben zitierte Person gut im Ohr hatte, will ich wissen, wer mir, ein Jahr älter geworden, diesmal besser gefiele als die letzten Male; ich hoffe, dass kein Greis irgendwo auftaucht. Ich kenne den Film in- und auswendig, aber mir könnte jemand entgangen sein, ein Knecht, ein Gaul, der Herr Präzeptor und Zeremonienmeister, Gott bewahre! Weiterlesen

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Weihnachten kann kommen: Rutenwirrwarr

„Dieses Jahr bin ich grundunartig gewesen, ich habe über Herkunft geschrieben, noch dazu die eigene, die, wie jede andere auch, familiär und regional belastet ist.“

So beginnt die Erzählung Rutenwirrwarr, erschienen in der Anthologie Weihnachten kann kommen. Eine Frau macht sich Gedanken über Strafe und Androhung solcher am wichtigsten Familienfest des Jahres. Und ihr Kind, das sich keine Vorstellung machen kann von einem Prügelinstrument in Zusammenhang mit Feiern und Schenken, denkt in eine erfrischende Richtung, fern von Schuld und Gewalt.

Weihnachten kann kommen. Neue Geschichten. suhrkamp tb 4463, Berlin 2013 Weiterlesen

Wir drehn uns im Kreise

Wo Fuchs und Hase Gute-Nacht sich sagen,
will ich wissen, wie.
Geh durch die Frühmorgenstunden,
die schneefrischen Wiesen,
entlang den Hasenspuren,
die nirgendwo hin mich führen
als an der Nase herum.

Der beste Weg ins Abseits, denk ich,
denk, dass ich mich lang schon dort dachte,
weil keiner dem andern mehr
für die Nacht etwas wünscht. Gut,
noch ist kein Fuchs da, noch
gibt es Hoffnung. Nicht gut
genug ist mir die Dunkelzeit.

Ich schleiche durch ihre Stunden,
schau zu den alternden Wiesen hinüber –
tief abseits genug, um ein Fuchs zu sein,
der etwas jagt, das ich nicht
sehen kann, aber zu sehen bereit bin.
Und hell
scheint mir der Mond.

Beim Herantreten find ich
den Hasen, ein genaues Abbild
dessen, was ich zu finden vermutete:
Seine Spur aus der Früh,
zwischen meiner und der des Fuchses,
auf einem der besten Wege hinaus.

Aus: Saskia Fischer. Wenn ich Himmel wär. Gedichte. Grupello Verlag, Düsseldorf 1998

himmel

http://www.grupello.de