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Bahnhofskonzert

An einem Mittwochmorgen tat die Mutter endlich, was sie schon immer einmal tun wollte: ausschlafen, richtig ausschlafen, so lange sie wollte. Einmal nicht geweckt werden, nicht von der Tochter, dem Rheuma, den Vögeln. Sie schlief einfach weiter und ging (es war wie Geburtstaghaben) gleich in ein Mittagsschläfchen über. Und das an einem so sonnigen Tag!

Die Tochter stellte Teewasser auf den Herd, spannte in dem noch kahlen Garten den bunten Schirm auf, nahm Platz darunter und wartete. Und wie sie so dasaß und wartete, schien plötzlich jede Minute ein grünes Blatt hervorzubringen – eins am linken Strauch, eins am rechten, dann noch eins und noch eins, bis der ganze Garten in seinem schönsten Frühling stand. Der Goldregen war gewachsen und leuchtete prächtig.

Der Wasserkessel rief und rief. Aber die Mutter schlief einfach weiter, schlief bis spät in den Nachmittagshimmel hinein, der war rosenrot, und die grauen Linien darauf liefen in- und auseinander wie Schienen. Was für ein Glück für die Mutter! Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte sie in einem Schlafwagen fahren, noch dazu in einem so langen, was für ein Glück – wenn auch ein spätes. Der Wasserkessel gab sein Bestes und pfiff zur Abfahrt. Wind kam auf und brachte Wolken. Weiße Wolken, zerzaust wie das Haar eines Dirigenten, der sehr bewegt wird von seinem Orchester. O wie es paukte und geigte und blies!

Als alles zuende war, der Vorhang gefallen, die Ränge dunkel, erhob sich die Tochter, klappte den Schirm zusammen und strich behutsam über den Stoff. Der Wasserkessel schnaufte sein Letztes.

Mit freundlicher Genehmigung durch den Grupello Verlag.

aus: Saskia Fischer. Wenn ich Himmel wär. Gedichte. Grupello Verlag, Düsseldorf 1998