Autor: Saskia

Ungarn, Pannonhalma, Abtei

Raufasermeditation

Die Katze starrt über Stunden die weiße Wand an wie ich das leere Blatt Papier. Sie stammt aus Ungarn, Pannonhalma, viertausend Einwohner, wenige Kilometer von Györ entfernt. Wirtschaftlich vorteilhaft, heißt es, im Schwerpunkt des Städtedreiecks Wien, Budapest, Bratislava. Weil man dort eher Arbeit findet als in anderen Landstrichen: Putzen, Reparatur-, Garten-, Friseurtätigkeiten. Dienste ohne viel […]

Filmtipp: Schneewittchen als Torrera

Arte zeigt derzeit Blancanieves. Schneeweißchen. Schneewittchen, wie wir sagen: So weiß wie Schnee, so schwarz wie Ebenholz. Da mag der Regisseur sich gedacht haben, das kann ich auch die Kamera sprechen lassen und die sagt: Schwarz-weiß. Sagt sie nicht, macht sie. Gestochen scharfe, lackglänzende Schwarzweißbilder. Der Vater ist kein König, der Vater ist König der […]

Wüst, Wust, Wusterhausen!

Königs Wusterhausen, da wollt‘ ich schon immer mal hin. Wegen des Genitivs. Des Königs Wusterhausen. Wegen des Königs wüstem Hausen damals, seinem Lotterleben, kam dieser Ort zu seinem Namen, ein Ort wie bei Hempels unterm Sofa: Kippen, leere Bierdosen, Glasscherben, der klägliche Rest von Gesindel und Gelage. Stelle ich mir so vor. Wuster wird eben […]

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Zur Person

Saskia Fischer ist eine deutschsprachige Lyrikerin und lebt in Berlin. Neben Gedichten hat sie Erzählungen und einen Roman veröffentlicht. Hier bloggt sie zu Kulturthemen, gibt Leseproben und informiert über eigene Publikationen.

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Unter Strom

„Im Sommer rannten wir durch die hohe Wiese und bauten Verstecke darin, aber im Jahr darauf schon wurde die Wiese von Kühen kahlgefressen. Man ging eines Tages um seinen Hausblock herum über den Wäscheplatz, und zwanzig Schritte weiter bekam man eine gewischt, sie hatten einen Elektrozaun gezogen gegen das Ausbüchsen der Rindviecher. Die Erwachsenen dachten […]

Romanze in Stur und Groll

Um der Armee zu entfliehn, zertrümmert mein Vater/ flugs mit dem Hammer sein Knie. Im Hospital, hellwach er,/ macht abends die Schwester ihre Runde mit Tee,/ meine Mutter also einschenkend an seinem Bett steht,/ da fragt er, was, wenn der Inhalt der Tasse sich plötzlich/ vor ihr auf den Boden entleere. (Keine Zwanzig,/ ich kenne […]

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Curriculum Vitae

Typisch wie ich, Anne Bonny, zur Piratin wurde:/ Unehelich, mein Erzeuger sagt Findelkind,/ Gott weiß, irgendeines Cousins Bastard,/ und jagt die Magd, meine Mutter, zum Teufel./ Treib mich in Jungskleidern herum unter Jungs,/ die Brüste straff umwickelt, und Dad in den Ruin./ Denn immer ähnlicher ihm geratend, macht die Gattin/ nen Skandal draus, der alle […]

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Nachts in einer Kreuzberger Bar. Der Mann, der neben mir steht und ins Gespräch vertieft scheint, dreht sich zu mir um. Fragt nach meinem Parfüm. Ich, perplex, meine sofort, der Duft sei aufdringlich. Frauen denken sowas, sagen die Frauenmagazine. Negativ von sich selbst. Ich nenne souverän den Namen des Parfüms, vielleicht will er es seiner […]

Dystopien in Aquamarin – Derek Walcott zum 85. Geburtstag

Jamaika, 1999. Auf dem Motorrad unterwegs entlang der Westküste. Traumstrände im Blick, Schnorchelausflüge, Papageienfischessen, saubillig versteht sich, Rum, Reggae und Ganja – phat wie Kolonialherren. In Wirklichkeit dösen die Strände in Geierlangeweile vor sich hin, keine Brandung, kein Stein als Deckung für einen verirrten Fisch, das Wasser salzig-warm wie im Thermalbad, nur dass es draußen […]

Mausetot

Sandy, die dickste und verfressenste von allen meinen Farbmäusen, hielt am längsten durch. Sage einer, Übergewicht verkürze das Leben! Sie war genetisch eine Rezessiv-Rote, das heißt, ein bestimmter Erbanteil, bezogen auf die Fellfarbe, blieb versteckt, sodass sie, statt sattorange wie ihre dominant-roten Vertreter, hellorange aussah. Der Nachteil dieses eher seltenen Genotyps ist, dass andere Erbanteile, […]