Stadt & Land

Schuh verloren – Rolf Hoppe zum 85. Geburtstag

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„Dass ich älter werde, merke ich daran, dass ich den König attraktiver finde als den Prinzen“, las ich letztes Jahr, nachdem Drei Haselnüsse für Aschenbrödel die Fernsehsender rauf und runter gelaufen war wie jedes Weihnachten. Der König wird von Rolf Hoppe gespielt, der ist zur Entstehungszeit des Films 42, stellt aber mit Vollbart und Wanst eine alternde Autorität dar, die Abdankung naht. Sein Sohn, ewiger Junggeselle mit nichts als Flausen im Kopf, droht als Thronfolger auszuscheiden. Wenn nicht bald die Liebe an die Tür klopft, muss eine Ehe arrangiert werden und sei sie noch so herzensfern.

Heute, am 1. Advent wird der Film zum Saisonauftakt wie zu erwarten gesendet, und weil ich die oben zitierte Person gut im Ohr hatte, will ich wissen, wer mir, ein Jahr älter geworden, diesmal besser gefiele als die letzten Male; ich hoffe, dass kein Greis irgendwo auftaucht. Ich kenne den Film in- und auswendig, aber mir könnte jemand entgangen sein, ein Knecht, ein Gaul, der Herr Präzeptor und Zeremonienmeister, Gott bewahre!

Was den König für weibliche Zuschauer interessant macht, ist sicherlich die Würde und der Edelmut, den Hoppe ihm verleiht, jenseits von Erhabenheit und Arroganz. Doch seine Frau, die Königin, gespielt von Karin Lesch, ist an seiner Aura nicht unwesentlich beteiligt. Sie hat an seiner Seite all ihre Fähigkeiten entwickeln und entfalten können, ihr Taktgefühl, die feine Ironie. Sie wirkt ausgleichend auf den König und damit auf die Geschicke des Landes, dem Reich geht es gut, keine Rede von Armut und Krieg. Eine ausgesprochene Liebesheirat, die die beiden eingegangen sind, keine arrangierte, die bald eine frustrierte Gattin hervorgebracht hätte als Spiegelbild eines frustrierten Staatsmannes. Anna Karenina in glücklich. („Alle glücklichen Familien gleichen einander.“) Man kann den Prinzen nicht anders als gern haben bei so viel Elternliebe im Hintergrund.

Ob ihn Mädchen heutzutage allerdings ebenso anhimmeln wie ich damals, bezweifle ich. Vielleicht tun sie ihn sofort als dämlich und begriffsstutzig ab. „Unser Tölpel!“, wie ihn der König nennt. Es gab echte Probleme mit ihm. Der Schauspieler Pavel Trávníček konnte nämlich nicht reiten und sprach Dialekt, so dass er im Tschechischen synchronisiert werden musste, seiner Muttersprache! So einen Blender hätte ich als Mädchen in einen Frosch verwünscht, hätte ich ihn als solchen enttarnen können. Das Wissen der Netz-Community desillusioniert einen ganz und gar.

Mein eigener kleiner Prinz war vier Jahre alt, als er den Film zum ersten Mal sah oder, während ich ihn sah, irgendetwas tat, Lego baute und mehr zuhörte als zuschaute, jedenfalls aber so genau zuhörte, dass er im folgenden Jahr zur Adventszeit mit dem Einsetzen der Titelmelodie aus seinem Zimmer gerannt kam und, äh, äh, das ist doch, äh, Schuh verloren, rief, weil ihm der umständliche Brödelputtelhaselname nicht einfallen wollte. Dieser rührselige Ohrwurm Karel Svobodas und die Reduzierung dessen auf ein sarkastisches Schuh verloren (selber schuld) ist zu einem running gag in meiner Familie geworden. Wir spotten und lachen und können doch nicht ohne – willkommen im Advent mit dem Nachwuchs der Nullerjahre. Heute wird Rolf Hoppe 85 Jahre alt. Ich gratuliere!

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. 6. Dezember 2015, Kika, 12 Uhr

http://www.kika.de

Bildquellen

  • Schloß_Moritzburg_im_Winter: Dr. Bernd Gross/creative commons attribution share alike